Mein erster Dojo und die Tage danach – Eine Momentaufnahme

von Marko Wolf

Ende September 2014 durfte ich mein erstes Dojo4Life erleben. Ich bin in London, bei Graham Boyd, dem Initiator des vielversprechenden Projekts. Täglich befasse ich mich mit den theoretischen Grundlagen des Dojos und ihrer praktischen Umsetzung. Und je tiefer ich in die Materie dessen vorstosse, was heute noch neu, morgen jedoch hoffentlich schon alltäglich sein wird – desto faszinierender erlebe ich es.

Es ist dabei nicht bloß die Theorie, die meinen Wissensdurst gleichzeitig weckt und stillt, es ist auch das Gefühl etwas wertvolles gefunden zu haben, etwas, was ich lange Zeit vermisst habe. Es ist eine Art Bestätigung für mich, daß – auch wenn ich in Diskussionen oder im Meinungsaustausch nicht recht wußte, wie ich das, was ich doch dachte, wußte und spürte, ausdrücken könne – ich doch nicht falsch lag. Ja, daß ich zuweilen der – sagen wir: – “komplexer Denkende” oder der “Weiterentwickelte” war, auch wenn mir in dieser Welt und Gesellschaft damit weniger Erfolg als den anderen beschert war, mich gar Spott traf, der jedoch eigentlich ins Leere hätte gehen müssen. Ich denke, daß viele Menschen – und gerade diejenigen, die auf der “Suche” sind – durch das Dojo ein tieferes Verständnis für ihr eigenes Sein finden können, schlicht gesagt: daß sie richtig und gut sind, wie sie sind, daß ihre Wahrnehmung und Einschätzung der Welt treffend und sogar treffender als der common sense ist und daß der Beitrag, den sie zum Ganzen beisteuern wollen, wertvoll ist.

Was ist also ein Dojo?

Es ist die Begegnung zweier oder mehrerer Menschen auf gleicher Augenhöhe, die sich – zumindest für die Zeit des Dojos – verpflichten, sich gegenseitig darin zu unterstützen, ‘falsche’ oder zumindest unpassende, nicht länger brauchbare, unbewußte und damit versteckte Glaubenssätze aufzudecken und zu verändern.

Bei jemandem wie mir, der die Arbeit an Glaubenssätzen liebt und der doch schon mit einer ganzen Reihe verschiedener Methoden in Kontakt gekommen ist, mußte die Arbeit, Motivation und Zielstellung des Dojos auf fruchtbaren Boden fallen. In einer Gruppe zusammenkommen zu können, um sich in intimer und geschützter Atmosphäre tief und essentiell aufeinander einzulassen, um miteinander zu wachsen, ist, was ich liebe und als wesentlichen Teil meiner Arbeit und Aufgabe ansehe.

Ich denke, dass viele, wenn nicht gar die meisten Menschen davon nicht bloß profitieren, sondern darüber hinaus eine grundlegende Veränderung ihrer eigenen Lebensqualität erfahren würden. Der gesellschaftliche Wandel, dessen stetige Beschleunigung wir nicht nur fürchten, sondern dem wir im gleichen- und zunehmendem Masse bedürfen, könnte durch das Dojo nicht nur Antrieb und Fahrtaufnahme, sondern auch Ausrichtung und Kanalisierung erfahren. Selbstverständlich bleibt Wandel um des Wandels willen recht orientierungslos, ebenso wie Wirtschaftswachstum, dass sich keine Rechenschaft darueber abgibt, was denn da eigentlich loswachsen soll und zu welchem eigentlichen Zweck.

Gerade in einer sich globalisierenden Welt, deren grundlegendstes Charakteristikum das Zusammenwachsen und die gegenseitige Angewiesenheit, sprich: Abhängigkeiten und Möglichkeiten gegenseitigen Profitierens – scheint es meines Erachtens recht offensichtlich, dass Menschen Begegnung und Austausch brauchen, um miteinander in größere Freiheit hineinwachsen zu können, und das heißt: Wahre Freiheit, die gegenseitige Verbundenheit und freiwillige Verpflichtung nicht ausschließt.

Einige Techniken

Die ersten im Dojo praktisch angewandten Techniken waren zum einen die Technik zum Aufspüren von “big assumptions”, also: Grundlegende Annahmen, also versteckt-unbewusste Glaubenssätze, die das Verhalten des Einzelnen steuern und dessen Wünsche auf Erfolg sabotieren. Wer beispielsweise tief in sich glaubt, Erfolg bedeute ein “sich über andere Erheben”, und ein solches wiederum Arroganz, die unweigerlich dazu führen muss, nicht liebenswert zu sein, wird wohl jedweden Erfolg letztlich sabotieren, weil doch “der Liebe würdig zu sein” ein ungleich höherer Stellenwert zukommen muß als rein materieller Erfolg. Diese Bewertung und Annahme scheint jedenfalls in mir lebhaft zu sein. Die Aufdeckung eines solchen Zusammenhangs, der für die Handlungsanweisung und Durchsetzungsfähigkeit des Betroffenen relevant sind, kann dies die Veränderung nahezu des gesamten Lebensstils und die Eröffnung allzulang ersehnter Perspektiven bedeuten.

Zum anderen praktizierten wir das Wenden negativer Erfahrungen in positive – obwohl, so stimmt das nicht: Denn Erfahrungen sind nie gut oder schlecht, es ist lediglich unsere Interpretation der Ereignisse, die ihnen Geltung in die eine oder andere Richtung zuspricht. Erfahrungen sind nicht gut oder schlecht, sondern das, was sie sind. Was also geändert werden kann, ist nicht die Erfahrung, sondern unsere Sichtweise auf sie. Nur so kann der Buchtitel “Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben” Sinn machen. Und auch der häufig gehörte Spruch “Was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker”, drueckt den Zusammenhang aus, nämlich: dass jede auch noch so unangenehme Erfahrung, nämlich alle, die nicht unmittelbar zum Tode geführt haben, uns stärker gemacht und damit einen positiven Effekt auf uns hatten; positiv zumindest dann, wenn “Stärke” als wünschenswert und damit positiv gelten soll. Es wird offenkundig, dass es unser inneres Bewertungssystem ist, dass eine Erfahrung skaliert und als positiv oder negativ, angenehm oder unangenehm einschätzt. Hinzu käme dann noch die nicht zu gering einzuschätzende Möglichkeit, dass die Erfahrung längst noch nicht alles, was sie an positiven Effekten zu bieten hat, bereits gezeitigt hat.

Analog zu den oestlichen Kampfkünsten lernt der Teilnehmer die Anwendung bestimmter Methoden, die er mit einem Sparringspartner einüben kann. Hierbei ist er unabhängig von einem Meister und lediglich auf die Zusammenarbeit mit einem Gleichgesinnten angewiesen. Es sind dies – in der bisherigen Terminologie – Methoden auf sozio-emotionaler, kognitiver sowie verhaltenssteuernder Ebenen, die es dem Aspiranten nach und nach ermöglichen sollen, sich über seine eigenen Muster, Automatismen, stereotype Verhaltens- und Denkweisen, und letztendlich aller Reaktionsweisen bewußt zu werden, um diese letztendlich in solche umzuwandeln, die ihm selbst angemessener sind.

Haltung

Essentiell ist hier, dass über die Angemessenheit letztendlich nur jeder Einzelne selbst entscheiden und bestimmen kann, was den Dojo zum einen zu einem Ort gelebter Freiheit und Freiwilligkeit macht, und damit zum anderen – solange dieses Grundprinzip hochgehalten wird – vor dem Abdriften in eine Sekte bewahrt, die sich im allgemeinen durch Unfreiheit und Dogmatismus (Glaubenskanon) auszeichnen.

Und doch könnte man drei “Dogmen” ausmachen als da wären:

  1. Jeder Mensch trägt in sich das Potential zu weiterem Wachstum.
  2. Sich auf den Weg zu machen, dieses Potential freizusetzen, ist jedem Einzelnen anheim gestellt.

Und “richtig verstanden”:

  1. Er hat die Freiheit zu jedwedem Wachstum, das sich für ihn richtig und stimmig anfühlt.

Ebenso wesentlich ist dem Dojo die Gleichrangigkeit der sich gegenseitig unterstützenden Partner (!), da sie die Grundhaltung teilen, sich ständig weiterentwickelnde Wesen zu sein, die von ihrem Gegenüber lernen können – ob nun in direkter oder indirekter Form, also etwa durch direkten Wissenstransfer oder als eine Art Spiegel, oder einfach als Elemente eines Prozesses, dem sie nunmal beide angehören. Diese Haltung bleibt bestehen, auch wenn es einige gibt, die in der Anwendung der Methoden unterschiedliche Grade korrekter Durchführung erlangt oder in der Durchdringung der zugrundeliegenden Theorie unterschiedliche Tiefen erreicht haben.

Den Teilnehmern eines Dojos sollte idealerweise eine Atmosphäre bereit gestellt werden, die von Annahme und Offenheit, Neugier und Begeisterung geprägt ist und die Ausrichtung auf gemeinsames Wachstum fördert. Gemeinsames Wachstum bedeutet hier das Entwickeln und Transformieren jedes Einzelnen für sich. Der Dojo sollte analog zu einem Beispiel aus der Botanik den Boden und die richtige Menge und Zusammensetzung an Nährstoffen zur Verfügung stellen, um der Pflanze maximales Wachstum zu ermöglichen.

Es wird von den Leitern des Dojos in die für die Durchführung der Übungen notwendigen Theorie eingeführt. Außerdem sollte eine Demonstration der Übungen, sowie das darauffolgende Praktizieren der Übungen angeboten werden, und zwar im Raum gemeinsamer Wertschätzung und dem selbst gewählten Maße freiwilliger Intensität.

Ausblick

Die Übungen, die zur Anwendung kommen sollen, sind absichtlich einfach und leicht erlernbar gehalten, um sie einem jeden zugänglich zu machen. Geplant ist allerdings die Entwicklung zunehmend komplexerer Übungen, die die Tiefe der zugrundeliegenden Theorie in ausreichendem Masse abbilden und die Anwendbarkeit auf die verschiedenen Sektoren der Gesellschaft – also etwa die Ansprüche der global players – zu ermöglichen. Diese werden dann wohl nur jenen zugänglich sein, die auch “dranbleiben”, kontinuierlich üben und mit der Arbeit an sich selbst zu einem gewissen Maße vorangekommen sind.

Die Notwendigkeit des Dojo4Life ergibt sich aus dem nach meiner Einschätzung rasant steigenden Bedürfnissen, der stetigen Zunahme komplexer Zusammenhänge einer globalisierten Welt und den gleichermaßen wachsenden Ansprüchen, die an den einzelnen Menschen und besonders den mit weitreichender Verantwortung ausgestatteten Manager, adäquat begegnen zu können.

Personal Note

Ich bin unheimlich gespannt, wie es mit diesem fabelhaften Ansatz weitergeht. Ich freue mich schon darauf, morgen früh wieder im Café an der Ecke bei Kaffee und Croissant von Graham mehr zu erfahren. Ich bin gespannt und freue mich…

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